28. März: Just in time


Kennen Sie das Gefühl, gerade im richtigen Moment gekommen zu sein – und es hätte keine fünf Minuten später sein dürfen? Neulich ist es mir bei einem Krankenbesuch passiert, dass tatsächlich, kurz nachdem der Kranke, die Familie und ich gemeinsam gebetet haben, der Mann seinen letzten Atemzug tat und diese Welt verließ – als hätte er noch auf dieses Zeichen der ihn umsorgenden Liebe seiner Familie und der Liebe Gottes gewartet, um gehen zu können.

Leider kennen wir wahrscheinlich auch alle die Erfahrung, zu spät zu kommen – also nicht nur die lästige, gerne dem Verkehr (der ja glücklicherweise so unpersönlich ist, dass er sich nicht wehren kann) angelastete halbe Stunde, die einfach ärgerlich ist, sondern tatsächlich „zu spät“. Da ist nichts mehr zu machen, das Flugzeug ist weg, der Gesprächspartner verärgert, das Unglück geschehen – diese Erfahrung der Begrenztheit in vager Mischung aus Verantwortlichkeit und Hilflosigkeit gehört wahrscheinlich auch unvermeidlich zu unserer Lebenswirklichkeit.

Eben noch hätte man etwas tun oder vermeiden können, jetzt ist es zu spät. Der Kairos, der „richtige Augenblick“ (die Griechen hatten dafür sogar einen eigenen Begriff) ist vorbei.

Wir Menschen verpassen ihn immer wieder, Gott nicht. Das Osterfest ist eine Erinnerung daran, dass Gott im entscheidenden Moment zur Stelle ist – und unsere Fastenzeit eine Gelegenheit, uns der Ungeheuerlichkeit dieser Botschaft zu nähern, immer wieder.

„Ja, dann hätte er doch verhindern können, dass Jesus litt und starb, dass jenes Kind verunglückte, diese Mutter schon so früh sterben musste, an tausend Orten in dieser Welt Krieg herrscht, usw.?!“

Nein, das „kann“ er wohl nicht. Es geschehen auf dieser Welt leider sehr viele Dinge, die eben nicht Gottes Wille sind, sondern ihm radikal entgegenstehen. Innerhalb der Grenzen dieser Welt betätigt sich Gott nicht als Magier, der mit einem Fingerschnippen wieder Ordnung schafft, er zieht sich aber auch nicht indigniert und naserümpfend zurück und überlässt diese Wirklichkeit ihrem Verderben.

Er, der diese Welt in Freiheit geschaffen und sich gegenübergestellt hat, in Hoffnung und Vertrauen, dass sie sein großes „Ja“ erwidere, kommt in diese Welt, die diese einzig richtige Antwort bisher leider nur sehr bruchstückhaft zu formulieren wusste, selber hinein und durchlebt sie, gibt ihr in seinem Sohn einen neuen Anschub. Und wenn auch dieser Impuls von seiner Schöpfung radikal zurückgewiesen wird, ist er da und macht deutlich, dass die Macht von Leid, Unheil, Sünde, Verderbnis und Tod eben nicht stärker ist als das göttliche „Ja“ des ersten Moments, der Erneuerung in Jesus, der Erfüllung bei seiner Rückkehr.

Immer dann, wenn Sie und ich uns ausrichten auf ihn, dann kann auch unser Leben ein Einbruch der Liebe Gottes in die Wirklichkeit unserer Welt werden. Wie Jesus als Mensch sicher sein konnte (auch wenn er das – wie die Schilderung des Kreuzestodes im Markusevangelium zeigt – wohl nicht immer vermochte), dass er nicht dem Tod in die Hände fällt, sondern in der Umarmung seines Vaters Leben findet gegen den Tod, so bedeutet auch für uns das Osterfest: Gott ist da im entscheidenden Moment, und nichts wird ihn aufhalten, Dein und mein Leben mit seiner Treue zu umfangen.

Davon erzählt das Zeugnis der Auferstehung Jesu. Sie ist nicht nur eine symbolische Redeweise von der Hochachtung vor dem großen Menschen Jesu, sie ist keine überspannte Reaktion emotional geschädigter und enttäuschter Freunde des Gekreuzigten, sie ist die göttliche Bestätigung der schöpferischen Treue zum menschlichen Leben.

Ohne Auferstehung Jesu wäre der Zug abgefahren für uns, unser Leben eine große Resteverwertung eines leider in die Brüche gegangenen schönen göttlichen Traumes.

Durch die Auferstehung erinnern und wissen wir: Er ist da, gerade wenn wir ihn am meisten brauchen. Seien wir Zeugen dieser Botschaft und lassen nicht zu, dass Menschen an ihrer Stelle nur Leere und Verzweiflung erfahren. Im entscheidenden Moment ist Er da, um Dich und mich mit seiner Nähe und Wärme, mit Leben und Liebe zu empfangen.


(Ralf Hirsch, Leverkusen)


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Redaktion: Dr. Tobias Kanngießer


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