27. März: Was ist Wahrheit?


„Jetzt, wo ich mir endlich eine eigene Meinung gebildet habe, kommen Sie mit Argumenten …!“ – so ein augenzwinkernder Spruch, der eine heutige Zeiterscheinung gut anspricht. Meine subjektive Intuition, teils aber eigentlich rein meine Wunschvorstellung gilt oft mehr als objektivierbare Wirklichkeiten.

In sozialen Netzwerken bis hin zur Politik feiert dieser Miss-Stand „fröhliche Urständ“. Doch, was sich hier in neuem Kleid zeigt, ist so neu nicht:
In verschiedenen Kulturen werden negative Verhaltensweisen in „Hauptsünden“ verdichtet beschrieben: In christlicher Tradition werden sieben genannt – im fernen Osten gibt es derer neun; dort ist auch die „Lüge“ als oft geschehendes Missverhalten definiert – bei uns nicht. Böses, das klar angesprochen wird, das verliert seine Kraft – das „Rumpelstilzchen“ zerreißt sich, als es mit Namen genannt wird. Vielleicht wurde die Lüge in christlicher Tradition nicht ausreichend genug festgemacht. Vielleicht mit ein Grund, dass in unserer westlichen Kultur die Unwahrhaftigkeit in vielerlei Gesichtern auftritt: Verlogene Strukturen, Unehrlichkeit als Kavaliersdelikt, nach außen gelebte Fassaden, hinter denen die Wirklichkeit ganz anders läuft usw.

Eigentlich alles im drastischen Gegensatz zu dem, der gemeint hat, dass er selbst „… der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14,6).

Ein klares Wort, das eigentlich mit allen Halbwahrheiten oder Lebenslügen aufräumt. Das ist ein Ansatz, der uns gerade heute guttut: Keine übertreibungen, falsche überbetonungen, vereinseitigte und natürlich missverständliche Informationen – keine Winkelzüge in der Lebensweise oder halbherzige Vertuschungen: Klar die Wahrheit zu sagen – und zu leben!

Die hier erträumte Wahrheit meint auch nicht, anderen irgendwelche Fakten oder Inhalte verletzend entgegen zu schleudern: Manche sind sogar stolz darauf, „es anderen so richtig reinzusagen“ – „ich bin ebenso“. Wahrheit ist mehr als faktische Richtigkeit. Wahrheit hat im Geiste Jesu viel mit Liebe zu tun. Sie ist kein nasser Fetzen, den man jemand anderen um die Ohren schlägt, sondern gleicht einem wärmenden Mantel, den man einladend hinhält (Max Frisch).

„Was ist Wahrheit?“ fragt Pontius Pilatus einen als Hochverräter Angeklagten (Joh 18,38) – und die Antwort ist kein philosophischer Erguss über Wesen und Sinn, sondern dem fragenden Statthalter steht einfach ein schweigender Mann gegenüber, der mit seinem Leben für seine Überzeugung einsteht – der das, was er sagt, zutiefst auch lebt, bei dem Anspruch und Wirklichkeit ident sind.

Wenn in der griechischen Philosophie Wahrheit mit einem Spiegel verglichen werden kann, der möglichst detailgetreu und cool etwas abbildet, so meint Wahrheit im biblisch-christlichen Sinn tieferes: Sie ist Lebensprogramm.

Ein schönes Bild dafür ist der Felsen, der Halt und Kraft gibt.

Ich träume von einer Welt, wo möglichst intensiv aus einem solch tiefen Wahrheitsanspruch gelebt wird, wo nicht fake news, Halbwahrheit oder gelebte Verlogenheit, sondern aus tiefer Wahrhaftigkeit heraus gelebt wird – fangen wir doch einfach damit an!


(Mag. Gerald Gump, Wien)


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Inhaber und Herausgeber: Kolpingwerk im Erzbistum Köln e. V., Präses-Richter-Platz 1a, 51065 Köln
Redaktion: Dr. Tobias Kanngießer


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