24. März: Kreuzwege


Nein, Gott hat uns nie versprochen, dass wir immer glücklich, erfolgreich, gesund und gutaussehend sein werden. Und dass wir immer das Licht der Hoffnung sehen werden und uns niemals verzweifeln, auch das gehört nicht zum Paket. Vielmehr werden wohl auch unsere Lebenswege immer den Exodus-Charakter haben, den wir für unsere Lebens- und Glaubenswirklichkeit von unseren Müttern und Vätern im Glauben, dem Volk Israel, geerbt haben.

Wenn wir uns daher jetzt in der Fastenzeit bewegen und die Karwoche begehen, um dann schließlich Ostern zu feiern, ist es wohl immer so ein bisschen ein Fest in der Wüste. Aber es wäre wirklich schade, wenn es – auch in Familien mit Kindern – einfach bei Osterhasen, Nestern, bunt gefärbten Eiern und jeder Menge Schokolade bliebe. Nicht, dass es nicht überhaupt schon gut und wertvoll wäre, wenn eine Familie trifft und nach Kräften versucht, im Alltag einen wohl oft recht schlaglochartigen gemeinsamen Lebensweg ein bisschen zu pflegen. Aber in diesen Tagen steckt einfach mehr, viel mehr. Es ist die Zeit der gebündelten Glaubens- und Lebenserfahrungen aller, die an diesen Gott glauben und mit ihm durch die Geschichte zu leben versuchen. Es kommen hoch und dürfen ans Licht treten alle diese Wege von Menschen, die so oft gegen Wände des Leides, der Ungerechtigkeit, des Todes, der Gewalt führten und daran abprallten und vielleicht einen Seufzer, eine Klage, eine Träne zurückließen. Natürlich sind da auch all die gelungenen Lebensentwürfe, das Glück, die Zufriedenheit, die Dankbarkeit, das miteinander kostbar Geteilte, das sich aber geschöpflich-menschlich doch letztlich immer wieder an der Auseinandersetzung mit der zentralen Begrenzung, dem diesseits der Rückkehr des Messias unausweichlichen Tod brechen. Und dann steht die Erfahrung im Raum, dass wir auf diesem Weg nicht allein bleiben, dass vielmehr Gott selber sich absolut entäußert und darin verwirklicht, dass er Mensch wird. Er geht genau diese eben beschriebenen Menschenwege mit bis dahin, wo es menschlich eben nicht mehr weitergeht, bis zum Letzten.

Natürlich ist es kostbar, ein paar schöne Tage miteinander zu haben. Aber ich möchte Sie einladen, dabei etwas unersättlich zu werden, und mit „Friede, Freude, Ostereiern“ nicht einfach zufrieden zu sein. Haben Sie Mut, Zeit und Kraft, in diesen Tagen die Wirklichkeit Ihrer Lebenswege und die Wege der Gemeinschaften, denen Sie sich verbunden fühlen, ausdrücklich zu bedenken und zu teilen. Dankt und denkt, feiern und weinen Sie mit den Ihrigen, Ihrem Gott, der in diesen Tagen unser aller Lebenswege durchkreuzt. Er macht im Leben, Leiden, Tod und in der Auferweckung Jesu deutlich, dass es für uns tatsächlich ein Jerusalem gibt, eine Gemeinschaft, auf die hin wir unterwegs sind. Dieser Exodus zielt nicht einfach auf ein Jenseits, sondern beschreibt einen Weg durch alle Menschenwirklichkeiten hindurch.

Deshalb die Bitte und Einladung: Nehmen Sie sich Zeit dafür, sperren Sie Ohren und Herzen auf, denn es macht einen Unterschied aus, ob ich den Moment genieße, so wie er eben ist, den Unter- und Hintergrund aber zwischen „Lindor“ und „Eierlikör“ im unberührbaren „Das weiß ja sowieso keiner“ und „Zurückgekommen ist auch noch niemand“ (was für uns Christen übrigens so nicht stimmt) belasse, oder zumindest versuche, Licht ins Dunkel unserer Lebensperspektiven kommen zu lassen. Sie sind ja nicht allein mit diesen Fragen, es haben ja schon ein paar Menschen mehr darüber nachgedacht, und ganz konkret möchte die Kirche Ihnen Antwortrichtungen, möchte Jesus selbst für Sie zur Hoffnung werden – aber hinschauen und Ihnen sowie den Ihren Gelegenheit geben, nachzudenken, hin zu denken, fühlen, beten, das müssen Sie schon selber tun.

Vielleicht darf ich Ihnen dazu ein recht harsches Schriftwort anbieten „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.” (Joh 12,24) Im Leben sind wir vom Tod umfangen, wir müssen uns aufbrauchen, es kann sich sinnvoll keiner bewahren; aber: Im Tod wiederum sind wir vom Leben umfangen: Was scheinbar unüberwindliche Begrenzung ist, wird zur Tür, zum unvermeidlichen, aber letztlich von Gott her überwundenen Abschnitt unseres Lebens. Der niederländische Theologe und Dichter Huub Oosterhuis hat daraus einen Liedtext entfaltet, der mich seit vielen Jahren beeindruckt, weil er mit wenigen, klaren, aber nicht uncharmanten Worten in Begriffe bringt, was unseren Exodus, unseren Weg ausmacht:

Wer leben will wie Gott auf dieser Erde,
muss sterben wie ein Weizenkorn,
muss sterben, um zu leben.
Er geht den Weg,
den alle Dinge gehen,
er trägt das Los,
er geht den Weg,
er geht ihn bis zum Ende.
Der Sonne und dem Regen preisgegeben
das kleinste Korn
in Sturm und Wind
muss sterben, um zu leben.
Die Menschen müssen füreinander sterben.
Das kleinste Korn,
es wird zum Brot,
und einer nährt den andern.
Den gleichen Weg ist unser Gott gegangen,
und so ist er für dich und mich
das Leben selbst geworden.


(Huub Oosterhuis, übersetzt von Johannes Bergsma)


(Ralf Hirsch, Leverkusen)


IMPRESSUM:
Inhaber und Herausgeber: Kolpingwerk im Erzbistum Köln e. V., Präses-Richter-Platz 1a, 51065 Köln
Redaktion: Dr. Tobias Kanngießer


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