8. März: Nichts Neues


„Wie war es heute bei der Arbeit?“
„Gut“
„Was Neues?“
„Nichts Neues“

Wahrscheinlich kennen wir alle diese Art von Dialogen, die, genau hingehört, mehr eine Verweigerung des Gespräches darzustellen scheinen denn tatsächliche Kommunikation.

Ich muss dabei an die sozusagen kulturkritischen Worte des unbekannten Verfassers des Buches Kohelet denken: „Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues – aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren, und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden." (Koh 1,2-11)
Lasst mich doch mit Aufbruch, Neunanfang, Entwicklung, Hoffnung in Ruhe – es gibt nichts Neues, es geht immer weiter, bis ...

Das tut er nicht, er lässt uns nicht in Ruhe. Der Herr, den Kohelet und ganze Generationen in der Tradition der Weisheit nur noch aus der Ferne zu erahnen, als unbewegt majestätisch zu erkennen wagten, er lässt es nicht gut sein mit den Tretmühlen, in die sich seine Menschen hinein bewegt haben.

Er selber ist in diese Welt hineingekommen, um die Laufräder der Sinnlosigkeit aufzubrechen und Wege, letztlich einen Weg zu öffnen.

Die Schöpfung Gottes hat einen Quantensprung gemacht – für uns Menschen ist, wo die Abgründe der Menschen, die banale, alltägliche Bosheit, das scheinbar unabwendbare Leid, der unausweichliche Tod den Deckel über den Gräbern als die einzige menschliche Sicherheit zu erweisen schienen, Licht ins Dunkel gefallen. Davon reden, singen und feiern wir zu Ostern. Wir tun es hoffentlich nicht leichthin, mit tausend Worthülsen kirchlicher Sprachgestalt, die zur selben Belanglosigkeit tendieren wie der gleichgültige Dialog des „Nichts Neues gibt es“. Wir brauchen jedes Jahr vierzig Tage – oder sagen wir besser: wir könnten jedes Jahr vierzig Tage der Fastenzeit nutzen, um die Kraft dessen zu spüren, der hinter den Ostereignissen steht. Nicht nur vor zweitausend Jahren, sondern heute ist wirksam, was die Worte vom leeren Grab, vom eben nicht verlassenen Christus, vom Empfang des Heiligen Geistes bedeuten.

Haben Sie sich schon einmal getraut, sich vorzustellen, was wohl der auferstandene Jesus zu Ihren Befürchtungen, Sorgen, Beeinträchtigungen sagen könnte? Trauen Sie sich! Spielen Sie doch einmal mit dem Gedanken, dass es auch für Ihre Traurigkeiten, Ihre kleinen oder großen Alltagsverzweiflungen eine neue Hoffnung gibt, ein Licht am Ende des Tunnels. Es geht nicht einfach nur weiter, unsere Menschheitsgeschichte verläuft nicht kontinuierlich im immer schon dagewesenen, sondern hat eine Neubestimmung erfahren. Im zweiten Brief an die Korinther schreibt der Apostel Paulus: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ (2 Kor 5,17)

Wir sind neu geschaffen in dem, was in Jerusalem, in Golgotha, auf der Schädelhöhe, am Grab Jesu passiert ist. Es ist anders weitergegangen. Es gibt etwas Neues, wir sind neu, wenn wir es nur zu bemerken wagen. Kein Büro, kein Alltag, kein Frust, keine himmelschreiende Ungerechtigkeit, kein Krankheitsleid und kein Tod räumen jemals wieder aus der Welt, was der gekreuzigte Nazoräer uns gebracht hat.

Lassen Sie nicht zu, dass diese Botschaft in wortlastiger sonntäglicher Verkündigung stecken bleibt, zeigen Sie etwas von dieser Wirklichkeit!

Lassen Sie sich anstecken zu Lebenslust – nichts Unheiliges, ganz im Gegenteil, einfach nur die Bereitschaft, Gottes großes in der Schöpfung ausgesprochenes und in Jesus unwiderruflich in unsere Wirklichkeit eingeschriebenes „Ja“ endlich nachzuvollziehen. Unabhängig von der Sympathie oder Antipathie für eine politische Partei: Den Osterglauben zu feiern und zu leben ruft nach Zeichen, nach Wirklichkeiten, die von der Neuschöpfung Zeugnis geben. Nutzen Sie die Tage der Fastenzeit, um sich zu vergewissern, dass Sie noch daran glauben: Gott ließ es nicht einfach gut sein. Haben Sie schon eine Idee, wie Sie ein Hoffnungs-Lebens-Zeichen geben könnten? Dann behalten Sie es bitte nicht für sich! Schenken Sie bitte etwas von dieser Wahrnehmung des Neuen, des unabänderlich Hoffnungsvollen, das ein „heruntergekommener“, ein gekreuzigter, ein auferweckter Jesus für Sie bedeutet. Lassen Sie in trostlosen Fällen Ihr Lächeln, Ihre guten Worte , Ihre Zärtlichkeit sprechen. Treten Sie für Gerechtigkeit ein, zeigen Sie, dass auch die oder der Todkranke für Sie nichts an seiner Würde eingebüßt hat. Lassen Sie erfahren, dass Kinder Hoffnung sind und haben und immer eine Aufmerksamkeit, eine Geduld, eine Hilfe „wert“ sind – um nur ein paar Beispiele anzubieten.

Mit den spirituellen Muskeln ist es wohl so wie den physischen: Ungeübt verkümmern sie. Nutzen wir die Fastenzeit als spirituelles Training, um deutlich werden zu lassen – mir und meinen Mitmenschen: Hoffnung ist angesagt, nichts mehr kann uns fortnehmen, entreißen, was es heißt, dass wir neue Schöpfung sind: Das Lachen, die Freude, das Ja zum Leben, der Trost, haben überwunden und werden überwinden, was uns kaputt zu machen droht.

„Was Neues?“ „Oh ja, wir haben heute gemeinsam gelacht, als ...“

Wahrnehmen, zulassen, weitergeben, was Hoffnung macht. Statt „Apocalypse now“ Auferstehung hier und jetzt – Lust am Leben als Frucht der österlichen Fastenzeit – überlassen wir Ostern nicht den Hasen und bunten Eiern!


(Ralf Hirsch, Leverkusen)


IMPRESSUM:
Inhaber und Herausgeber: Kolpingwerk im Erzbistum Köln e. V., Präses-Richter-Platz 1a, 51065 Köln
Redaktion: Dr. Tobias Kanngießer


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