5. März: Achtung, Baustelle!


Diese Art von Verkehrsschildern „lieben“ Sie auch ganz bestimmt: „Achtung Baustelle“. „Wir bauen für Sie die A irgendwas“ – „und hören bestimmt nicht auf damit, bis wir alle im Stau stehengeblieben sind“ – möchte man manchmal hinzufügen. Egal, ob die Baustelle die Straße sperrt, einen Fahrstreifen unzugänglich macht, in der Nacht stattfindet oder am helllichten Tag, im Sommer oder Winter: Eigentlich kommt sie uns nie gelegen. Klar, so ist auch der Rosenmontag in der Regel beliebter als der Aschermittwoch. Aber andererseits stellen wir zu unserem Erstaunen fest, für wie viele Menschen dennoch gerade an diesem Tag ein Besuch in der Kirche oder wenigstens mitgebrachte Asche aus einer Kirche besonders wichtig erscheint – gerade auch bei Menschen, von denen man das gar nicht gedacht hätte.

So wenig das im Einzelnen notwendigerweise tiefer reflektiert sein mag, so ist doch für ganz viele Menschen die tiefe Ahnung, dass ihr Leben in der Tat ein Baustelle ist und Dinge sich ändern, ja ändern müssen, dass Umkehr und neue Wege zu bedenken ansteht, anscheinend recht gegenwärtig.

Wie gut! Denn das scheint in der Tat für uns alle eine Herausforderung darzustellen, der niemand in seinem Leben zu entkommen scheint. Auch und gerade der – so wenig wir dies wohl letztlich zu beurteilen verstehen – gelungenste Lebensweg hat Richtungsänderungen und steile Passagen eingeschlossen und führte das eine oder andere mal ziemlich haarscharf an Abgründen vorbei.

Wir alle müssen uns auseinandersetzen damit, das Leben nicht einfach nur verläuft, sondern geführt wird, und zwar bestenfalls bewussterweise von uns. Dass Gott dabei Fuß und Hand führt und leitet, daran glauben und darauf vertrauen wir fest. Aber das ändert nichts daran, dass wir es sind, die Entscheidungen treffen und ändern müssen, Abschnitte beginnen und beenden – und uns damit auseinandersetzen müssen, was uns in der Tat vorgegeben ist, ohne dass wir es zu ändern vermögen, es aber integrieren können, indem wir uns bewusst dazu verhalten.

Gelegenheit für einen ganz bewussten Weg der Entscheidungsfindung, für Richtungsänderung und Kurskorrektur will die Fastenzeit sein. Es kann wohl in unserem Leben nichts einfach so bleiben, wie es angeblich immer schon war. Es geht nicht, schlechthin so weitermachen wie bisher, ohne das „wozu“ und „wohin“ fatal aus dem Blick zu verlieren.

Und man wird das Ziel nicht im Blick behalten können, ohne es immer wieder neu zu formulieren und den Kurs des Lebens darauf abzustimmen. So muss auch Jesus – so sehr er wahrer Gott ist – als wahrer Mensch in die Wüste. Es ist ihm zwar einerseits unabwendbar in die Wiege gelegt, nicht nur der Sohn von Maria und Josef, sondern auch und maßgeblich der Sohn Gottes zu sein – aber was dies im Konkreten für sein Leben bedeutet, scheint auch für ihn nicht einfach nur vom Himmel gefallen zu sein.

Er muss in die Wüste. Er braucht eine Aus-Zeit um wahrhaftig, mutig und konsequent sein Leben in den Blick zu nehmen. Können wir uns vorstellen, was es für diesen Menschen als solchen bedeutet haben muss, seine Berufung, seine Wirklichkeit existenziell anzunehmen und zu entfalten?

So hat jeder von uns seine Berufung, hat Gott in jeden Einzelnen von uns mit Liebe seinen Traum geschrieben. Die Berufung zu hören, den Traum Gottes zu meiner Wirklichkeit zu machen, ist eben nicht getan mit „irgendwie weitermachen“.

Gerade das Element des „weniger ist mehr“, der Mut, eine Zeitlang ausdrücklich hinter die Dinge schauen zu wollen, ganz bewusst abzubauen und zurückzulassen, was zu viel, ungut, verkrustet und verfettet ist, das Verhärtete neu beleben zu lassen, das Verformte aufzurichten, aus Entgleisungen wieder die Lebenslinie zu finden, diesen Herausforderungen wollen und müssen wir uns in der Fastenzeit stellen. Was das für Sie und mich im Einzelnen heißt, ist für jeden von uns verschieden, gewiss. Dass aber ein zentraler Punkt ist, Zeit zu haben, sein Leben in der Stille, im Gebet, in der Betrachtung vor Gott zu halten, könnte ein gemeinsamer Nenner sein. Aus der Begegnung mit ihm erwächst uns Kraft, uns mit den „Dämonen“, mit den Gefahren und Leiden und Schmerzen und auch der Schuld unseres Lebens auseinanderzusetzen und vielleicht schwierige Entscheidungen zu treffen, Haltungen zu ändern, Lebenswegen neue Orientierung, neue Richtung zu geben.

Dieser Weg macht Sinn von Ostern her, aber es führt der Weg auf Ostern hin notwendigerweise durch diese Wüste, diese Erschütterung der immer neuen Auseinandersetzung mit dem, was die Herausforderungen und Begrenzungen, die Chancen und Gefahren meines Lebens ausmacht. Ostern wird nicht einfach, so sehr es ein Ereignis der liebevollen Zuwendung Gottes ist, man gelangt dorthin, und der Weg ist notwendigerweise nicht nur eben und gerade.

Das Motiv des Ringens mit der Herausforderung des Weges begegnet uns noch einmal in der biblischen Episode der Verklärung, in der die Jünger von Jesus auf einen Berg geführt werden und für einen unerwarteten Moment im erschreckenden Licht Leben in Fülle erfahren. Sie verstehen es noch nicht, aber eigentlich möchten sie gleich dableiben. Das geht nicht, es gibt keine Hütten auf diesem Weg: Sie müssen hinab vom Berg, mit Jesus weiter nach Jerusalem ziehen. Dort warten auf ihn die Begeisterung und die Abscheu der Menschen, dort wird er das Abendmahl halten und in Gethsemane erneut um seinen Lebens– und Sterbensweg kämpfen müssen und schließlich sein Kreuz auf sich nehmen. Ja, in Jerusalem wartet das Kreuz auf Jesus und seine Freunde - aber dort wird eben auch das Leben den Tod umfangen und Auferweckung den Tod besiegen. Der Weg führt ins Licht, aber Jesus, seine Freunde und auch wir, wir müssen ihn gehen. „Gute Reise!“




(Ralf Hirsch, Leverkusen)


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Inhaber und Herausgeber: Kolpingwerk im Erzbistum Köln e. V., Präses-Richter-Platz 1a, 51065 Köln
Redaktion: Dr. Tobias Kanngießer


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