26. Februar: In Würde sterben


Es gehört sicher zu den prägendsten Erlebnissen meines Lebens: Das Sterben meines Vaters. Mit der herannahenden Pensionierung hatte er Angst, seinen zentralen Lebensinhalt zu verlieren – und dies hatte massive, körperliche Auswirkungen: Am 28. Tag seiner Pension ging er „hinüber“.

Zwei Monate war er im Spital – dann war „nichts mehr zu machen“ und wir bekamen ihn nach Hause. Meine Mutter hat damals sicher übermenschliches an Pflege geleistet – wir Kinder waren ja nur da, wenn „es möglich war“. Und in all dem war es eine ganz kostbare Zeit, wo mein Vater viele Reifeschritte seines Lebens verdichtet in wenigen Wochen durchgemacht hat, wo so manches ausgeheilt ist, was er jahrzehntelang wegzudrängen gelernt hat. Von einer verkrampften Situation des nicht loslassen Könnens hat er durch 100 Tage gelernt, entspannt geschehen zu lassen – und wir mit ihm. Vieles ist in diesen Tagen – wenn auch gesundheitlich eingeschränkt – an Gesprächen möglich gewesen, die jahrelang undenkbar gewesen wären; vieles ist letztlich „in seinem Herzen heil“ geworden.

Sein Lebenswille war zu Ende – sein Leben hat sich gesund abgerundet. „Er ist Gott sei Dank verstorben“ sagte ich einem seiner entfernt Bekannten einige Wochen nach seinem Tod auf Anfrage nach seinem Wohlbefinden – und die Reaktion war etwas verstört: Am Gesichtsausdruck meines Gesprächspartners war abzulesen, dass er nicht fassen kann, dass ich als Sohn von „Gott sei Dank verstorben“ reden konnte. Doch genau das hat es für mich ausgedrückt: Gott sei Dank hat er friedlich vieles an Reife nachholen können, das er jahrzehntelang versäumte – es war letztlich ein friedlicher und heilvoller Abschied; schön, dass er dies erleben durfte und wir mit ihm.

Auf seine Parte (Todesanzeige) haben wir als Familie geschrieben: „Am vergangenen Montag ist er heimgegangen. Wenn uns das vorläufige Abschiednehmen auch sehr weh tut, vertrauen wir darauf, dass es ihm jetzt gut geht – auf ein Wiedersehen freuen wir uns.“
Als Pfarrer habe ich öfters mit Kranken und Sterbenden zu tun. Nur es ist etwas unvergleichlich anderes, wenn ein lieber Mensch des engsten Familien- oder Beziehungsgeflechtes stirbt. Und ich habe viel daraus gelernt: Ich habe erlebt, wie sehr das Sterben ein ganz kostbarer Teil des Lebens ist, wie viel es uns an Chancen gibt, Lebensbereiche nachzuholen oder nachreifen zu lassen, die sonst untergingen. Ich glaube, dass mein Vater letztlich wirklich in Frieden mit sich und der Welt loslassen konnte – drei Monate davor wäre dies undenkbar gewesen. Sterbeprozesse sind wesentliche Teile des Lebens.

Ich bin dankbar, dass ihm dies möglich war; und ich bin dankbar, diese Erfahrung aus direkter Nähe miterlebt haben zu können. Und ich bin dankbar für den Glauben an Gott, bei dem ich mit Sicherheit weiß, dass er jetzt gut aufgehoben ist – was offenbleibt, wird Er heilen! Weder brauche ich krampfhaft am Leben festzuhalten noch den Tod „weil ich ja weiß, was nötig ist“ vorziehen … und das kann das Leben unheimlich entlasten und vertiefen!


(Mag. Gerald Gump, Wien)


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Redaktion: Dr. Tobias Kanngießer


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