25. Dezember: Fleisch


Da saßen meine Haushälterin und ich im September ganz still in einer kleinen Kirche in der Nähe von Lissabon. Der Blick fiel auf den Altar: ein großer, vergoldeter Quader mit einem vergoldeten, kastenförmigen Tabernakel mitten darauf. Keine Blume, keine Kerze, kein Altartuch. Der Altar wirkte trotz der Vergoldungen sehr schlicht. Direkt an der Rückwand des Tabernakels ragte ein sehr großes, freistehendes Holzkreuz mit dem leidenden Christus daran in die Höhe. Direkt mittig über dem Kreuz befand sich ein roter zweiteiliger Vorhang, der oben hinter dem Kreuz geschlossen und unten hinter dem Altar ganz weit geöffnet war. Der so geöffnete Vorhang hinter dem Kreuz ließ den Blick frei werden auf acht oder zehn, vielleicht auch zwölf fast sargförmige noch oben, gen Himmel hin immer kleiner werdende Stufen.

Da schoss es mir durch den Kopf: Das Wort ist Fleisch geworden, ja Fleisch, und das Wort ist nicht Wort geworden, nein Fleisch ist es geworden. Und dieses Fleisch hängt sterbend am Holz des Kreuzes, stirbt für mich, ja für mich, damit sich durch den Tod dieses Fleisches für mich der verschlossene Vorhang hinter dem Kreuz öffnen kann. Und nun ist die Treppe mit den sargförmigen Stufen, die himmelwärts führen, für mich betret- und begehbar. Klettern muss ich aber selbst. Die vorher nicht begehbare Treppe ist frei, frei durch den Tod dessen, in dem das Wort Fleisch geworden ist. Ein Wunder: Ich darf mich nun himmelwärts bewegen, ich!

Da fällt mir die Form der Stufen ins Auge: sargförmig sind sie. Das fordert mich auf, über meinen Weg himmelwärts tiefer nachzudenken. Leicht und spielerisch ist der Weg nicht. Ich kann nicht die letzte Stufe, die kleinste Stufe zuerst nehmen, sondern die unterste die größte und dickste Stufe ist zuerst dran. Sargförmig. Was muss ich in mir an Ungutem, an Fehlverhalten, an Irrwegen und Irrungen, an Selbstüberheblichkeit alles schmerzhaft absterben lassen, um Stufe für Stufe der Vollendung langsam, vielleicht auch schmerzhaft entgegenzugehen? Und ganz oben auf der kleinsten Stufe steht eine Marienstatue: Maria wird mich dort begrüßen.

Doch zurück auf die Erde. Da ist der festlich vergoldete doch sehr schlicht wirkende Altar mit seinem ebenso schlichten Tabernakel. Das, was durch das Kreuz, den Kreuzestod des fleischgewordenen Wortes, was durch den geöffneten Vorhang, was durch die sargförmigen Stufen und das himmlische Ziel bildhaft ausgedrückt wird, das vollzieht sich in jeder Feier der Eucharistie auf jedem Altar, gleich ob der Altar im Petersdom steht oder in einer ganz kleinen Dorfkapelle. Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen des fleischgewordenen Wortes werden auf dem Altar gegenwärtig, damit wir Anteil erhalten an seinem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen, um so durch den für das himmlische Leben geöffneten Vorhang die Stufen zu diesem Leben zu erklimmen. Die Feier der Eucharistie ist durch nichts, gar nichts ersetzbar. Gott sei Dank!


(Originalbeitrag von Pfarrer i.R. Christoph Fr. Dziwisch, Stockelsdorf)


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Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Wallenbergstraße 20, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos


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