23. Dezember: Gaben teilen


Eine italienische Zeitungsmeldung ließ mich aufhorchen: Im Dom der sizilianischen Hafenstadt Agrigent fehlten in der Heiligen Nacht in der Krippe die drei Könige. – Vielleicht muss man Sizilianer sein, um das Ausmaß des Entsetzens zu ahnen, das die Besucher des Gottesdienstes ergriff. Das gab es noch nie! Was war geschehen? Diebstahl? Vandalismus?
Plötzlich entdeckt man dort, wo bisher die drei Könige mit ihrem prachtvollen Gefolge, Pferden, Elefanten und Kamelen standen, ein Schild: „Wir bedauern: Die Weisen aus dem Morgenland werden dieses Jahr nicht kommen. Sie haben kein Visum erhalten.“
Der pfiffige Dompfarrer von Agrigent wollte mit der Aktion auf das Elend der Migranten aufmerksam machen: Tausende von Flüchtlingen ertrinken jedes Jahr im Mittelmeer, weil ihnen Europas Küsten verschlossen sind. Andere werden illegal ins Land geschleust und leben dort wie Sklaven.
Der Pfarrer weiß, dass er sich mit seiner Idee weder bei der Mafia, die von den illegalen Arbeitern profitiert, noch bei den Behörden beliebt macht. Aber Weihnachten, meint er, sei der richtige Moment, um die Augen zu öffnen.
Die drei Könige oder „Magier“, wie sie in Italien auch genannt werden, haben für mich einen tiefen Symbolcharakter. Sie folgen einem Stern, quer durch den Orient, nur um jenen neu geborenen König zu finden, der später sagen wird: „Die Herrscher unterdrücken ihre Völker und die Mächtigen missbrauchen ihre Macht über die Menschen. Bei euch aber soll es nicht so sein.“
Dieses Wort hat sich in meinem Kopf eingegraben und kommt mir immer wieder zu Bewusstsein, wenn ich das Machtgehabe von Menschen sehe. Bis heute scheuen Politiker nicht davor zurück, Gesundheit und Leben ganzer Völker zu opfern, nur um ihren Einfluss zu erhalten.
Ich mag diese „drei Könige“. Sie fallen nieder vor dem armen Kind und huldigen ihm. Sie sind Suchende und finden einen andern König, als wir ihn uns vorstellen: den dienenden Gott.
Künstler aller Epochen haben sie gemalt, diese drei Könige, wie sie vor dem Kindlein niederknien, ja ihm sogar zärtlich die Füße küssen. Kaum vorstellbar. Ist das nicht weit unter der Würde eines einflussreichen Mannes?
Nein. Genau das ist der nie endende Traum von Weihnachten: dass die Mächtigen der Welt ihre Kräfte in den Dienst der Armen und Schwachen stellen. Dass die Wirtschaftskrisen, Klimakatastrophen und Machtkonflikte nicht mehr auf dem Rücken derer ausgetragen werden, die schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten hilflos ausgebeutet werden. Dass die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik erkennen, wo ihr eigenes Leben und ihre eigene Zukunft liegt: in einem neugeborenen Kind.

Wir leben auf einer Insel
des Wohlstands und des Friedens.
Selbstverständlich:
die warme Mahlzeit,
garantiert:
die Schulbildung,
obligat:
der Fernseher am Feierabend.

Nur die Medien
bringen sie
in unser Wohnzimmer:
die Opfer der Erdbeben
und der Kriege,
die Not der Slums,
die Angst vor
der Diktatur.

Wir können das Elend
nicht beseitigen,
aber wir können eines tun:
die Gaben,
die uns anvertraut sind,
weitergeben.


Aus: Notker Wolf/Corinna Mühlstedt, Mitten im Leben wird Gott geboren. 24 Impulse zur Weihnachtszeit, S. 97–100 © Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. 2017. Internet: www.herdershop24.de
Sie können das verwendete Buch direkt über diesen Link bei Herder bestellen.



IMPRESSUM:
Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Wallenbergstraße 20, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos


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