15. Dezember: Vorurteile überwinden


Einmal habe ich in der Adventszeit im Schaufenster eines römischen Geschäftes eine „schwarze“ Krippe entdeckt: Maria, Josef und das Jesuskind waren ganz aus dunklem Ebenholz geschnitzt, in typisch afrikanischem Stil. Früher wäre das in Rom undenkbar gewesen. Dabei lieben die Römer Krippen, sie sind für eine römische Weihnachtsfeier mindestens ebenso wichtig wie nördlich der Alpen ein Weihnachtsbaum.
Als ich in den 1960er-Jahren in Rom studierte, trugen die römischen Krippenfiguren jedoch stets italienische Kostüme und die Heilige Familie hatte selbstverständlich eine helle Hautfarbe. Die Schönheit von Krippen aus anderen Kontinenten wusste man damals kaum zu würdigen. Offenbar haben die Römer inzwischen dazugelernt.
Mich erinnert das an eine Entwicklung, die wir Mönche in unseren afrikanischen Klöstern durchlaufen haben. Als Missionsbenediktiner von St. Ottilien sind wir seit über hundert Jahren auf dem „Schwarzen Kontinent“ tätig. Doch lange Zeit hatten wir dort getrennte Klöster für Europäer und für Afrikaner.
Erst spät wurde uns bewusst, dass es dem Geist Jesu viel mehr entspricht, wenn „weiße“ und „schwarze“ Mitbrüder in demselben Kloster zusammenleben. Ich habe mich als Präses unserer Kongregation damals für diese Neuerung mit allem Nachdruck eingesetzt und musste dabei nicht wenig Widerstand seitens einiger europäischer Missionare überwinden.
Gewiss, jedes Volk hat seine eigene Mentalität. Europäer setzen auch in Klöstern andere Schwerpunkte als Afrikaner. Man muss sich täglich neu aufeinander einstellen. Ohne Reibereien und eine immer neue Selbstüberwindung auf beiden Seiten geht das nicht ab. Aber die gemischten Klöster haben sich bewährt, und inzwischen sind sogar die Europäer in die zweite Reihe getreten. Längst schon sehen wir in all dem dankbar ein Stück gelebtes Evangelium.
Und noch etwas hat sich in unseren afrikanischen Klöstern geändert: die Farbe der Krippen. Natürlich hatten die europäischen Missionare einst ihre Krippen aus der Heimat mitgebracht. Alles andere war für sie unvorstellbar. Und es hat unsere Europäer größte Überwindung gekostet, auch hier umzudenken.
Heute sind schwarze Krippenfiguren in unseren afrikanischen Benediktinerkonventen das Selbstverständlichste von der Welt. Sie sind ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Botschaft des Evangeliums in anderen Kulturen ebenfalls feste Wurzeln geschlagen hat. Und auch wir Europäer selbst sind angetan von der Innigkeit afrikanischer Krippen.

Die Farbe der Haut,
der Schnitt der Augen,
die Sprache
– alles an meinem Gegenüber
ist fremd.

Wir wechseln Worte,
unsicher, fast scheu.

Doch Satz für Satz,
ganz langsam,
öffnet sich
hinter der Fassade
der Mensch:
Seine Ängste und Sorgen,
seine Hoffnung, seine Sehnsucht.

Ganz langsam
wird der Unbekannte
zum Spiegel
meiner selbst.


Aus: Notker Wolf/Corinna Mühlstedt, Mitten im Leben wird Gott geboren. 24 Impulse zur Weihnachtszeit, S. 49–52 © Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. 2017. Internet: www.herdershop24.de
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IMPRESSUM:
Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Wallenbergstraße 20, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos


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