14. Dezember: Zaun


Zäune kennen wir zuhauf: hohe und niedrige, große und kleine, moderne und altmodische, nur angedeutete und auch festgemauerte. Gemeinsam haben alle Zäune, dass sie den einen Bereich bewusst von einem anderen trennen. Zäune sind zwar durchlässig durch einen Durchgang oder eine Pforte. Sie sind aber auch verschließbar.

„Das erste am Heiligtum ist der Zaun“ (J. Trier) habe ich in einem interessanten Buch gelesen. Ja, ein Zaun trennt den profanen Bereich vom heiligen Bereich. Deutlich sichtbar ist dieser trennende Zaun in Lourdes: Er trennt den heiligen Bereich des Gebetes und der Gottesverehrung vom geschäftigen Treiben der mit Läden und Restaurants vollgestopften Welt. Aber Zäune, die ein Heiligtum von der profanen Welt trennen, können für das Auge unsichtbar auch in anderen Schranken bestehen. Das Heilige und das Heiligtum sind ja im Vergleich zur „normalen“ Welt das ganz Andere, das von irdischer Befleckung Losgelöste. Und mit diesem ganz Anderen geht man auch ganz anders um als mit dem Profanen. Der Mensch in seinem Inneren hat eine tiefe Ahnung davon.

Ich möchte jetzt nicht anregen, darüber nachzudenken, mit welcher Ehrfurcht oder Ehrfurchtslosigkeit wir Priester und Gläubige mit unseren Kirchen, mit gottesdienstlich genutzten Mehrzweckräumen, mit unseren Tabernakeln und mit dem Allerheiligsten umgehen.

In jedem Mensch gibt es so etwas wie konzentrisch ineinander gefügte Zäune, die bestimmte Bereiche im Menschen voneinander trennen. Und auch dort gibt es Pforten, die verschlossen sind, die sich aber auch öffnen lassen. So „lasse ich nicht jeden Menschen an mich heran“, sagen wir. Ich brauche zunächst ein gewisses Grundvertrauen, damit ich eine Pforte für einen anderen öffne. Wird aus dem Vertrauen Freundschaft, Zuneigung gar Liebe, dann öffne ich weitere Pforten in mir für einen anderen. Das ist gut und richtig.

Aber dann kommt ein Zaun in mir, der mich selbst erstaunt. Ich meine, mich zu kennen und stelle fest, dass da etwas in mir ist, was ich gar nicht kenne. Ich kenne mich selbst nicht wieder. Dieser Bereich hinter diesem Zaun in mir wird mir zum Geheimnis. Ich kann mich von ihm natürlich wieder zurückziehen, ihn ignorieren und in die „oberflächlichen Kreise“ zurückbegeben. Das war’s dann. Ich kann aber, neugierig geworden, versuchen, einen Blick durch oder über den Zaun zu werfen: Was ist das, was ich an mir und in mir nicht kenne? Vielleicht finde ich bei diesem Suchen eine sich möglicherweise öffnende Pforte in mir. Wenn ich mich darauf einlasse: Vielleicht lerne ich etwas bisher Unbekanntes über mich selbst. Und dann ganz tief in meinem Inneren, viel tiefer als in dem, was Psychologen und Psychiater oberflächlich meine Seele nennen, in meinem Urgrund finde ich hinter einem Zaun den Urgrund meines Lebens in mir: das Wort, das gesprochen hat „Ich will, dass du bist“, Gott selbst. Und dieses Wort ist in mir Fleisch geworden.

Welch eine menschliche, ja göttliche Würde, welch eine Verpflichtung. Gott sei Dank: Ich bin ich, und er ist in mir. Welch eine Würde!


(Originalbeitrag von Pfarrer i.R. Christoph Fr. Dziwisch, Stockelsdorf)


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Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Wallenbergstraße 20, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos


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