8. Dezember: Freude schenken


Ich war ein zweieinhalb Jahre alter Stöpsel, als ich ein Weihnachtsfest erleben durfte, das mein ganzes künftiges Leben prägen sollte. Es war im Winter des Jahres 1942, mitten im Krieg. Mein Vater war an der Front. Meine Mutter wusste nicht, ob sie ihn je wiedersehen würde. Aber unser Vermieter, der im Erdgeschoß wohnte, hatte für die Feiertage Heimaturlaub bekommen. Und noch heute erinnere ich mich, wie ich am Heiligen Abend ein Glöckchen läuten hörte, und meine Mutter sagte: „Jetzt kommt das Christkind!“
Als ich über die Treppe in das Erdgeschoß hinuntergetapst war, öffnete sich vor mir eine Tür: Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich einen Tannenbaum mit brennenden Kerzen. Und unter dem Baum war das Schönste: ein Netz mit bunten Bauklötzen. Als ich sie überglücklich in meine kleinen Hände nahm, fiel mein Blick auf unseren Vermieter: Er strahlte vor Freude über mein Glück. Bald darauf ist er gefallen. Doch das Leuchten in seinen Augen ist mir bis auf den heutigen Tag in Erinnerung. Durch ihn habe ich gelernt: Es ist eine der größten Freuden, anderen eine Freude zu machen.
Bis heute empfinde ich so viele kleine und große Dinge in meinem Leben als Geschenk. Und immer wieder spüre ich den Wunsch, dem dafür zu danken, der Ursprung alles Guten ist.
Sind nicht gerade die Momente größten Glücks im Leben nie das eigene Verdienst sondern immer ein Geschenk?
In unseren Konsumgesellschaften müssen Weihnachtsgeschenke heute teuer und Festmenüs vom Feinsten sein. Was nicht viel kostet, hat offenbar keinen Wert, löst offenbar keine Freude aus. Etwas ganz anderes berichten mir so oft Menschen, die in Kriegszeiten, in Gefangenenlagern und unter anderen elenden Bedingungen Weihnachten gefeiert haben, oder viele unserer Mitbrüder in den Entwicklungsländern: Jedes Licht und jedes noch so bescheidene Geschenk wird unter solchen Umständen Grund zur Freude und zur Dankbarkeit. Alles wird dann zu einem Hinweis darauf, dass der unter uns ist, der uns das Größte schenkt: Leben und Zukunft.


Weihnachtsabend in einem indischen Dorf

Vor Lehmhütten steht eine Krippe aus Ton.
Die kleine Kirche ist festlich geschmückt.
Menschen beten. Sie knien am Fußboden:
barfuß, andächtig, schweigend.
Nur eine Öllampe brennt.
Die Frauen tragen Saris und Blumen im Haar.
Nach der Messe erhalten die Kinder Gebäck.
Ein anderes Weihnachtsgeschenk
wird es für sie nicht geben.
Doch ihre Augen strahlen.
Sie singen und tanzen für das Christkind:
ein Kind, das ebenso arm ist wie sie,
aber der Welt den Weg zu Gott gezeigt hat.


Aus: Notker Wolf/Corinna Mühlstedt, Mitten im Leben wird Gott geboren. 24 Impulse zur Weihnachtszeit, S. 33–35 © Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. 2017. Internet: www.herdershop24.de
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IMPRESSUM:
Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Wallenbergstraße 20, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos


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