4. Dezember: Auf Gott warten


„Kommt, lasst uns den Herrn anbeten! Er ist der König, der kommen wird.“ Diesen adventlichen Vers lese ich in meinem Brevier auf einem Flug nach Manila. In der Hauptstadt der Philippinen angekommen, werde ich von unseren Mitbrüdern abgeholt. Im dichten Morgenverkehr kommen wir mit unserem Kleinbus nur schleppend voran.
Ich schaue nach draußen auf die kleinen Läden, sehe ganze Kolonnen von Schülern mit Büchern unterm Arm. Meine Blicke streifen die Seitenstraßen, die windigen Hütten, die mit Jeans, Blusen und T-Shirts behangenen Wäscheleinen. Wir fahren an einem fast ausgetrockneten Flussbett entlang. Der Gestank des Abfalls dringt bis ins Auto. Tausende von Menschen wohnen hier, direkt neben all dem Unrat, und sind vermutlich froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.
Meine Lippen murmeln weiter: „Kommt, lasst uns den Herrn anbeten! Er ist der König, der kommen wird.“ Der so vertraute Text kommt mir auf einmal so fremd vor, so fern der Wirklichkeit. Die Menschen hier haben wohl kaum Zeit für Anbetung. Und ob sie auf einen König warten, der kommen soll? Ich weiß es nicht. Die vielen Kleinhändler, sie warten auf Käufer. Die meisten werden wohl mit der Frage beschäftigt sein, was sie am nächsten Tag mit ihrer vielköpfigen Familie essen sollen.
Ich möchte zum Busfahrer sagen: „Halt an! Ich will zu den Leuten gehen und sie fragen, wie sie mit dem Leben zurechtkommen, worauf sie warten, ob es Hoffnung gibt, die sie bewegt, ob es für sie einen König gibt, auf den sie warten?“ Es wäre nutzlos. Man würde mich nur fragend anstarren. Was will denn dieser Fremde hier?
Doch gerade in Zeiten, in denen die philippinische Regierung gnadenlos gegen Drogenkriminelle und gegen Islamisten als Antwort auf deren Gräueltaten vorgeht, und die Kämpfe im Süden des Landes immer wieder eskalieren, stelle ich mir die Frage: Können die Menschen bei all der Gewalt, die sie umgibt, überhaupt noch auf die Geburt eines göttlichen Kindes hoffen? Immerhin ist die katholische Kirche hier gut angesehen und leistet wertvolle Friedens- und Vermittlungsarbeit.
Die Philippinos sind ein frommes Volk, auch wenn sich Glauben und Aberglauben bei ihnen häufig mischen. Viele haben in der Tat ihren Weg gefunden, Advent zu feiern und ihren Hoffnungen Ausdruck zu verleihen. Sie singen, tanzen und feiern mitten in ihrer Armut und am 24. Dezember werden sie ihre Heiligen durch die mit unzähligen elektrischen Lampen geschmückten Straßen tragen. Aber genügt das?
In unserem Kloster Digos auf der südphilippinischen Insel Mindanao suchen unsere Mitbrüder nach neuen Wegen. Sie haben eine kleine Ambulanz aufgebaut, die Kranke aus den umliegenden Dörfern versorgt. Sie kümmern sich um Drogenabhängige und geistig Behinderte. Die Kranken, die zuvor in ihren Familien depressiv herumhingen, werden wieder aktiv und arbeiten in der bescheidenen Landwirtschaft mit.
Es ist nichts Großartiges, was unsere Mitbrüder tun. Sie versuchen einfach, den Weg Jesu zu gehen. Sie hegen keinen Weltbekehrungsanspruch. Sie zünden ein kleines Licht der Hoffnung an unter armen Menschen. Hier erlebe ich Advent. Gott kommt nicht mit Getöse. Er bleibt ein Schwacher unter den Schwachen, ein Ohnmächtiger unter den Ohnmächtigen. Aber er ist bei ihnen.

Ich suche nach Sinn
im Schatten der Häuser,
am Rande der Straßen,
im Chaos des Heute,
das nicht um das Morgen weiß.

Manchmal ist mir,
als spürte ich ihn,
doch schon entzieht er sich wieder,
wie ein Stern,
den man nicht greifen kann.

Ich frage nach dem Warum
– zwischen all den Bildern
des Schreckens und des Leids.

Ich möchte wissen, was zählt:
Ein Lächeln, ein gutes Wort,
eine helfende Hand?
Ist all dies der Anfang
einer besseren Welt?

Ich suche nach Antworten.
Ob ich sie finden werde?
Ich weiß es nicht.
Doch ich will nicht aufhören,
sie zu suchen.


Aus: Notker Wolf/Corinna Mühlstedt, Mitten im Leben wird Gott geboren. 24 Impulse zur Weihnachtszeit, S. 13–16 © Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. 2017. Internet: www.herdershop24.de
Sie können das verwendete Buch direkt über diesen Link bei Herder bestellen.



IMPRESSUM:
Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Wallenbergstraße 20, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos


Sie erhalten diese E-Mail, weil Ihre E-Mail-Adresse auf der Seite www.fastenkalender.or.at eingetragen wurde. Sollten Sie sich abmelden wollen, so schicken Sie bitte diese E-Mail mit dem Betreff "Abmeldung" zurück.