23. März: Berührt?


Von schweren, teils kaum tragbaren Lebensereignissen und Schicksalsschlägen geprägt stehen sie da: die einen mit einem verbissenen, versteinerten Gesicht, die Augen fast abwehrend niedergeschlagen; die anderen gelöst, mit Tränen überströmten, Hoffnung und Erwartung ausstrahlenden Augen, die tief in meinen Augen Halt suchen. Es sind junge, gebeutelte Mütter, die zum Abschluss einer Mutter-Kind-Kur sich durch mich in einer Heiligen Messe einzeln segnen lassen.

Mir für die einzelne Mutter Zeit nehmend, lege ich langsam und sorgfältig meine rechte Hand auf den Kopf der sich segnen lassenden Mutter, lasse die Hand bewusst eine Weile auf dem Kopf ruhend liegen, bevor ich, die Segensformel langsam sprechend, mit dem Daumen der Mutter ein kleines Kreuzzeichen auf die Stirn zeichne. Ich berühre die Mutter mit meiner Hand und sie lässt sich berühren; äußerlich berührt durch mich, aber in Wahrheit durch Gott selbst. Es entsteht plötzlich eine vorher nicht dagewesene Vertrautheit, die durch Tasten, Spüren und Fühlen geweckt wird: befreiende Tränen fließen.

Berühren und sich berühren lassen ist oft außerordentlich schwer, und zwar richtig berühren und berühren lassen: taktvoll, tastend, empfangend und gebend und auch mitteilend. Dieses Berühren und auch das Berühren lassen wollen gelernt sein, denn es ist eine Kunst. Falsches Berühren verunsichert, widert an und zerstört.

Aber es bleibt nicht beim nur berührenden Hautkontakt. Die Berührung geht buchstäblich unter die Haut. Sie erstreckt sich über die geistige Berührung weit in die tiefste Tiefe der Seele hinein und kann den Menschen total verändern: positiv und negativ, krankmachend oder heilend.

„Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren …“ (Mk 8,22). Die Heilungen von Kranken durch Jesus werden immer durch Berührungen begleitet: „Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte.“ (Lk 6,19)

Alles schön und gut. Jetzt sind nicht die Anderen dran, sondern ich bin angefragt: Habe ich es gelernt, zu berühren und mich körperlich, geistig und seelisch berühren zu lassen? Habe ich eine Sehnsucht nach einer mich heilenden Berührung oder stelle ich die innere Ampel auf ein ablehnendes Rot: ich will nicht; ich kann nicht; ich brauche das nicht? Wie krank bin ich eigentlich in meinem Geist, in meinem Denken und in meiner tiefsten Seele? Mit Seele ist nicht die vom Psychologen oder Psychiater behandelte Psyche gemeint, sondern es geht noch eine große Stufe tiefer, nämlich um die Seele, die mein ganzes Sein und Leben ausmacht; die Seele, die Gott mir geschenkt hat. Will ich eigentlich und wirklich Heilung meiner Seele durch Berührung, letztlich durch Berührung mit und durch Gott selbst? Bin ich bereit für lösende, befreiende, heilende Tränen?

Übrigens: Wenn die Mütter zum Abschluss der Kur in der Heiligen Messe durch mein Beten und meine vermittelnde Berührung den Segen Gottes empfangen, dann erklingt eine leise Musik mit einem immer wiederkehrenden Text „Heilung geschieht – Heilung geschieht“. Und ich weiß: Heilung ist geschehen!


(Originalbeitrag von Pfarrer i.R. Christoph Fr. Dziwisch, Stockelsdorf)


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Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Wallenbergstraße 20, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos


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