12. März: Augenwurf


Unbeachtet lässt man Vieles. Da gibt es Uninteressantes, Widerwärtiges und Abstoßendes. Darüber geht man, Gott sei Dank, schnell hinweg. Aber Anderes ist auch da, es lockt uns an, es reizt. Man kann ja mal einen Blick, ein Auge drauf werfen; vielleicht ist es ja lohnenswert. Einen Blick kann ich schon wagen.

Gott hat ein Auge auf Maria geworfen. Sie soll die Mutter des Erlösers sein. Aber es reicht nicht aus, nur ein Auge auf sie zu werfen. Da muss noch mehr geschehen: Ja zum göttlichen Plan muss sie schon sagen, damit Gott seine Kraft, seinen Geist, auf sie und in sie herabkommen lassen kann. Ohne ihr Ja, auch wenn er einen Blick auf sie geworfen hat, reicht es nicht aus. Aber das vertrauensvolle Ja erfüllt die Sehnsucht des göttlichen Auges, das er auf sie geworfen hat, und der Geist Gottes kann in ihr Wirken.

Anders ist es auch nicht mit der Kirche. Auch auf sie hat er ein sehnsüchtig hoffendes Auge geworfen, denn er hat einen Plan für sie und mit ihr. Auch sie ist gefordert, ihr vertrauensvolles Ja zu sprechen. Es geht darum, nicht den eigenen, menschlichen Willen oder den verführerischen Zeitgeist zu verwirklichen, sondern bedingungslos, freudig und hoffnungsvoll zum Wunsch, zum Willen Gottes Ja zu sagen: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Und dann, nach diesem selbstlosen, sich selbst ganz in die Hand Gottes legenden Ja der Kirche, wird der Geist Gottes in ihr und durch sie wirken. Und die Kirche wird ihre Frucht bringen: Glaube, Hoffnung und Liebe. Möglich ist auch eine weitere Frucht: die Kirche wird wieder Priester- und Ordensberufe haben und gesund leben. Vor Jahren sagte mir ein alter, erfahrener Priester immer wiederholend: „Die Kirche ist heute krank, sehr krank!“ Und warum? Weil ich selbst krank bin? Ich selbst bin ja Kirche, nicht „Mitglied“ der Kirche, sondern ich selbst bin Kirche. Wenn ich krank bin, dann ist die Kirche krank, vielleicht sehr, sehr krank!

Ein Auge hat Gott nicht nur auf Maria und die Kirche geworfen, sondern auf jeden Menschen, auf jede Seele: auf Sie und mich. Damit der Geist Gottes in mir und durch mich wirken kann, bin ich angefragt, ob ich denn zu diesem Vorhaben auch selbstlos, hoffend und wollend Ja sage. Da gilt es unterscheiden zu lernen: Was ist wirklich der Wille Gottes und was nicht? Was wird mir eigensüchtig, geschickt verpackt, als Wille Gottes verkauft, obwohl er es gar nicht ist, sondern ein ideologischer Zeitgeist, der einer anderen Quelle als der des himmlischen Vaters entspringt, eine Mogelpackung? Wenn ich gelernt habe, die Spreu vom Weizen zu trennen, dann muss ich mich entscheiden, wem mein Ja gilt, der Spreu oder dem Weizen. Und wenn ich Gott mich vertrauensvoll hingebend wie Maria mit Ja antworte und bereit bin dieses Ja zu leben, dann wird der Herr seinen Geist auch auf mich herabsenden. Der Geist wird in mir und durch mich wirken. Durch ihn werde ich Frucht bringen, reiche Frucht. Und dieser Geist möchte in mir bleiben, und zwar über den leiblichen Tod hinaus, so dass ich in diesem Geist Gott selbst schauen darf in der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalem.

„Kommt, lasst uns unsere Wege gehen im Lichte des Herrn“ (Jes 2,5).


(Originalbeitrag von Pfarrer i.R. Christoph Fr. Dziwisch, Stockelsdorf)


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Redaktion: Paul M. Delavos


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