5. März: Erkenne


Am Apollotempel im griechischen Delphi findet sich eine Inschrift, die dem Griechen Cheilon, einem der sieben großen Weisen des antiken Griechenland (um 550 v. Chr.), zugeschrieben wird: „Erkenne dich selbst.“ Es ist schon eine große Aufgabe, sich selbst erkennen zu sollen bzw. zu wollen, denn diese Aufgabe hängt mit den uralten, immer wieder aktuellen menschlichen Grundfragen zusammen: „Wer bin ich? Wo komme ich her? Wohin gehe ich?“ Fragen, die man immer wieder neu und unterschiedlich zu beantworten versucht.

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden.“ (Joh 1,1–3) Alles, alles ist durch das Wort geschaffen, ich auch. Ohne das Wort ist nichts geschaffen, gar nichts. Und dieses erschaffende Wort ist in unfassbarer, großer Liebe gesprochen. Auch wenn ich selbst keinen Funken einer Ahnung davon habe, verdanke ich mich selbst einem Akt der Liebe; keiner verdankt sich sich selbst. Und dieses liebende von Gott ausgehende Wort sagt: „Ich will, dass du bist; ich will, dass du DU bist und nicht ein anderer; du sollst unwiderruflich, unverlierbar DU sein!“ Gott hat mich so, wie ich bin, gewollt, hat mich erkannt und kennt mich besser als ich mich selbst kenne.

Und das ist der Urgrund meiner menschlichen Würde, die mich in meiner mir geschenkten Freiheit zum Dank anspornt: Ich bin, ich bin einmalig und einzigartig ich. Aus dieser Würde heraus gilt es, zu denken und zu leben, auch zusammen zu leben. Nur, ich kann mich selbst entwürdigen, wenn ich an die Stelle des mich erschaffen habenden geheimnisvollen Wortes etwas anderes setze, nämlich die uralten Götzen, die schon wieder die neuen, aktuellen sind: der Obergötze Autonomie mit den damit verbundenen anderen Götzen wie dem Mammon, der Gier, einem entzügelten Sex und dem Tod. Wenn ich diesen Götzen freien Lauf lasse, verletze ich, vielleicht zerstöre ich auch in diesem irdischen Leben so nicht nur meine eigene Würde, sondern auch die meiner miterschaffenen Brüder und Schwestern.

Aber das reicht noch nicht: „Erkenne dich selbst.“ Nein, das greift viel zu kurz. Den zu erkennen und zu kennen, dem ganz zu vertrauen, der mich erkannt hat, der mich in und auswendig kennt, der vorbehaltlos liebend zu mir ja sagt, das ist Sinn und Ziel meines aus vorbehaltloser Liebe geschaffenen Seins. Sicher werde ich mit meinen irdischen Augen und meinem irdischen Geist nur bruchstückhaft erkennen. Ja, Geheimnisse und Rätsel werden und müssen bleiben. Auch dazu muss ich ja sagen. Aber die Schleier aller Geheimnisse werden fallen, wenn wir ihn schauen dürfen in seiner ganzen Herrlichkeit. Dann wird er zu mir das ganz persönliche Wort sprechen: „Komm in meine Arme.“

In meinem Brevier, dem Stundenbuch der Kirche, das ich täglich zur Hand nehme, liegen die Totenbildchen der Lübecker Märtyrer, die am 10. November 1943 unter dem Fallbeil hingerichtet wurden. Das Totenbildchen des Adjunkt Eduard Müller trägt die Aufschrift: „Geburt ist des Sterbens Anfang. Der Tod des Lebens Aufgang: strahlender Beginn.“

Herr, ich traue dir, ich vertraue dir!


(Originalbeitrag von Pfarrer i.R. Christoph Fr. Dziwisch, Stockelsdorf)


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Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Wallenbergstraße 20, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos


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