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Fastenkalender der Pfarre Linz - St. Peter

13. März: Das Kreuz

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Wir schauen auf das Kreuz und sehen die Striemen von der Geißelung, den zermarterten Leib mit den schwärenden Wunden, die vom Hängen am Kreuz verzerrten Muskeln, das blutüberströmte Haupt und das im Tod erbleichende Gesicht, die offene Seitenwunde mit dem geöffneten Herzen, aus dem Blut und Wasser fließen. Wir sehen die kaltblütige Grausamkeit der römischen Henkersknechte, hören die höhnenden Worte seiner Feinde, die Feigheit und den Verrat seiner Jünger. Jesus ist schrecklich allein und verlassen in dieser Stunde. Wir sehen aber auch die Arme weit ausgebreitet – ausgebreitet, um inmitten dieser Woge von Gleichgültigkeit und Hass, in all dem Schmerz und Leid uns alle, jeden Einzelnen von uns zu umarmen.
Wir schauen auf das Kreuz und schauen, wie groß, wie unermesslich groß Gottes Liebe zu uns Menschen, zu jedem von uns ist. Um unsertwillen, um uns zu erlösen, hat er dies alles getan.
Für dich habe ich dies getan, sagt der Herr, und er fragt uns: Was tust du für mich? Ja, was hast du mir angetan? Wie hast du meine Liebe beantwortet? „Was du, Herr, hast erduldet, ist alles meine Last; ich, ich hab' es verschuldet, was du getragen hast.“ „Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben.“ Dieses Wort aus dem Propheten Sacharja (12,10) begegnet uns noch ein zweites Mal in der Heiligen Schrift. Im letzten Buch des Neuen Testaments schreibt der Seher von Patmos an die sieben Gemeinden in Kleinasien. Er grüßt sie von Jesus Christus, von dem er sagt: „Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater.“ Und dann: Er kommt auf den Wolken des Himmels, und „alle, die ihn durchbohrt haben, werden ihn schauen“ (vgl. Offb 1,5-7).
Der Gekreuzigte ist nicht der elendiglich Umgekommene; er ist der Kommende, das „A und das O“. Er ist „der, der ist, der war und der sein wird“. Er ist „der Richter der Lebenden und der Toten“. Das Kreuz, auf das wir schauen, ist Maßstab, Orientierungsmarke, Richtschnur; es ist die Achse, um die die Welt sich dreht, an der unser Leben hängt und an der es sich ausrichten muss, an der es sich aber auch immer wieder neu aufrichten kann.
Viele mögen heute das Kreuz nicht mehr sehen. Sie ertragen seinen Anblick nicht mehr. Man soll es abhängen, wegschaffen. Doch weiß man auch, was man abhängt und wegschafft, wenn man das Kreuz beseitigt? Weiß man, für welche Werte das Kreuz steht und welche Werte man mit ihm abschafft und wegschafft?
Das Kreuz ist ein Symbol der Solidarität und des Erbarmens mit all den Kreuzträgern, den Armen, Kranken, Behinderten, Leidenden, Verfolgten, Ausgestoßenen, den Trauernden und Verängstigten, den Sterbenden; es ist Zeichen der Liebe und des Erbarmens, der Gewaltlosigkeit, der Dienst- und der Versöhnungsbereitschaft. Schauen auf den Gekreuzigten bedeutet: sein Leben an diesen Werten ausrichten und sie zur Richtschnur des eigenen Handelns machen.
Wo man das Kreuz nicht mehr erträgt, wo man die Werte, für die das Kreuz steht, hintansetzt, da wird es endgültig Karfreitag in unserer Welt. Da leuchtet dann kein österliches Licht der Hoffnung auf Menschlichkeit mehr. Wenn man jedoch auf das Kreuz und den Gekreuzigten schaut, sich an ihm orientiert, dann wird das Kreuz zum leuchtenden Zeichen der Hoffnung, zum Zeichen einer neuen Kultur des Lebens, der Menschlichkeit und des Erbarmens.


Aus: Kardinal Walter Kasper, Wer glaubt, zittert nicht. Ermutigungen zum Leben, S. 130–131 © Copyright 1. Auflage 2009 by Verlag Herder GmbH, D-79104 Freiburg im Breisgau. Internet: www.herder.de
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Inhaber und Herausgeber: Pfarre Linz - St. Peter, Tungassingerstraße 23a, 4020 Linz
Redaktion: Paul M. Delavos